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Frische Quellluft statt Mischluft

Aktualisiert: 15. Okt. 2021

Am 12. November jeht’s wieder los: "Das Wunder vom Späti" erwartet Dich! Ebenfalls Wunder-voll ist bei uns dann ooch die Frischluftversorgung*, denn die ha'm wir auf den neuesten Top-Stand gebracht. Beraten hat uns Prof. Dr.-Ing. Rüdiger Külpmann (RK), Experte für Gebäudetechnik und Lufthygiene. Im Interview erklärt er die neue Belüftung und warum sich die Angst vor Ansteckungen in Luft auflösen kann.

Herr Külpmann, der Zuschauersaal wird dank Ihrer Idee besser belüftet als zuvor – was ist anders?


RK: In einem Wort: Es ist die Quelllüftung. Wir haben im Zuschauersaal eine tribünenartige Bestuhlung vorgefunden. Die Sitzreihen steigen von vorn nach hinten in der Höhe an. Die Zuschauer sitzen also auf einem hohlen Podest. Da kamen wir schnell auf die Idee, die Zuluft von unten in den Saal zu führen. Einige Löcher im Boden reichten aus, um das Prinzip eines Luftstromes von unten nach oben umzusetzen. Bisher kam die Frischluft von oben und wurde auch oben abgesaugt. Das führt zu Mischluft. Frische und verbrauchte Luft werden ständig gemischt. Unser Vorschlag hat einen riesigen Vorteil. Die Zuschauer atmen nicht mehr Mischluft ein, sondern angewärmte und gefilterte Außenluft.


Nach dem berühmten Stoßlüften wieder ein neuer Begriff: Was meinen Sie mit Quellluft?

RK: In der Fachwelt unterscheidet man in Quellluft und Mischluft. Sie verstehen das sofort, wenn Sie sich Folgendes vorstellen: Die Lüftungsanlage bläst die vorgewärmte Außenluft über Rohre in den Saal und unter den Stühlen hervor. Etwa 20 Grad hat die Luft in diesem Moment. Die Menschen haben eine Oberflächentemperatur von 30 Grad. Also erwärmen sie diese Luft. 100 Watt – wie eine Glühbirne – beträgt etwa die Leistung eines einzelnen Menschen. Die von den Zuschauern erwärmte Luft steigt nach oben. Einfach weil warme Luft nach oben steigt. Dort wird sie abgesaugt. Es entsteht ein Luftstrom von unten nach oben. Jeder Zuschauer hat stets frische Luft. Es kommt nicht mehr zu einer Vermischung von alter und nachgeführter Luft.


Wird man den Unterschied riechen können?

RK: Definitiv. In einem Saal, in dem die Lüftungsanlage auf dem Gedanken der Mischluft beruht, verteilen sich im Laufe der Vorführung alle Gerüche. Vermischung heißt ja im Grunde nichts anderes als Verdünnung. Anders ist das in einem Saal, der mit Quellluft belüftet wird und in dem die Luft von unten nach oben den Raum durchströmt. In einem solchen Saal werden sich keine Gerüche verteilen. Statt eines Verdünnungseffektes haben Sie einen Frischlufteffekt. Die Lust auf frische Luft ist ja mittlerweile kein Luxuswunsch, sondern während der Coronapandemie zu einer Anforderung geworden.


Sie sprechen die Luftqualität an. Dass Außenluft mit Feinstaub belastet ist, gilt als bekannt.


RK: Dafür gibt es Filter, die beim Ansaugen der frischen Luft tätig werden. Neu ist nun das Thema Viren. Also die Verschlechterung der Luft, zu der es im Inneren des Gebäudes kommt. Menschen atmen Viren aus, während die Außenluft nach allgemeinem Verständnis praktisch virenfrei ist. Die neue Lüftungsanlage im Prime Time Theater löst das Problem. Zum einen mit Kapazität, indem sie 40 Kubikmeter pro Person und Stunde in den Saal einbringt. Also deutlich mehr als die üblichen 25 – 35 Kubikmeter. Vor allem aber sorgt das Prinzip des von unten nach oben aufsteigenden Luftstromes dafür, dass Viren sich nicht verteilen. Wie ich eben sagte, wird im Saal des Prime Time Theater nun nicht mehr die vorhandene und die neue Luft wie mit einem Quirl ständig umgerührt. Im neuen Lüftungsprinzip steigen auch mögliche Viren zusammen mit der Luft nach oben und werden dort abgeführt.

In einem Theater gibt es nicht bloß den Zuschauersaal.


RK: Eine weitere Verbesserung, die ebenfalls kaum Geld gekostet hat und nur auf einem einfachen Gedanken beruht, haben wir für das Foyer gefunden. Standard ist, dass Theater für das Foyer Fensterlüftung haben. Unsere Idee ist nun, in den Pausen den Abluftventilator im Saal abzuschalten, aber den Ventilator für die Zuluft anzulassen. Wir haben mit einer Nebelmaschine nachgeprüft, dass allein diese Maßnahme dazu führt, dass die Luft den Zuschauern ins Foyer folgt. Wo sollte sie auch anders hin, wenn sie nicht mehr abgesaugt wird? Im Foyer kann sie über die geöffneten Fenster hinaus. Diese Idee habe ich übrigens auch für den Friedrichstadtpalast vorgeschlagen. Das ist eine unglaublich einfache Lösung, auf die bisher niemand gekommen ist, einfach weil durchgängig gute Luft bisher in Theatern keine bedeutende Rolle spielte.


Und auf der Bühne?


RK: Auch dort haben wir uns etwas einfallen lassen. Es besteht nun eine unsichtbare Wand zwischen Saal und Bühne. Im hinteren Bühnenbereich haben wir eine Entlüftung eingebaut. Die Luft, die die Schauspieler ohne Mundschutz und mit viel Aktivität nutzen, dringt nicht mehr wie bisher in den Zuschauerbereich vor. In punkto Luft sind Besucher und Darsteller getrennt.


Das klingt alles sehr preiswert.


RK Die Kosten der Umstellung – also neue Rohre , Herrichtung der Tribüne und so weiter – liegen bei 19.000 Euro. Die neue Lüftungsanlage – das heißt die neue Maschine und die Ventilatoren – kosten rund 80.000 Euro. Da haben Sie eine Vorstellung davon, dass es preiswert sein kann, die normalen physikalischen Gesetze konsequent auszunutzen. Die neue Lüftungsanlage hat vor allem etwas mit Energieoptimierung zu tun, nur zum kleinen Teil mit Luftverbesserung.


Wie kam es eigentlich dazu, dass Sie es sind, der die Belüftung im Prime Time Theater verbessert?

RK: Die Anfrage kam natürlich über Oliver Tautorat. Er hatte Mittel über das Förderprogramm „Neustart Kultur / Lüftungstechnik‟ beantragt. Die ursprüngliche Idee war, einfach die alte Lüftungsanlage auszubauen und eine moderne einzubauen. Der Theatertechniker Achim Seel hat an den Gegebenheiten vor Ort sofort gesehen, dass mehr möglich ist und mich ins Spiel gebracht. Ich habe im Prime Time Theater die Konzeptberatung gemacht. Den konkreten Umbau hat Frau Blauth übernommen. Sie ist Inhaberin eines kleinen Ingenieurbüros, das spezialisiert ist auf den Umbau von Objekten. Sie betreut mehrere Theater in Berlin. Mein Konzept war in diesem Fall übrigens nur 1 ½ Seiten lang. Konzepte werden immer dann länger, wenn natürliche Luftströmungen behindert werden. Das Prime Time Theater ist wirklich ein Glücksfall. Der von mir vorgeschlagene, einfache Umbau fand vor Ort kaum Hindernisse.


Kannten Sie das Prime Time Theater bereits als Zuschauer?


RK: Ich bin seit 1976 Berliner. Von 1996 bis 2010 habe ich Heizungs- und Lüftungstechnik an der Beuth-Hochschule (heute BHT) gelehrt. Damals war ich auch einmal Gast bei einem der ersten Folgen von "Gutes Wedding, Schlechtes Wedding". Heute bin ich pensioniert und coronabedingt im Unruhestand. Freiberuflich arbeite ich aktuell bei der Deutschen Theatertechnischen Gesellschaft. Ich betreue Theater, die Fördergeld zugesprochen bekommen haben und unsicher sind, ob sie ein optimales Lüftungskonzept haben. Theater wurden selten konsequent danach beurteilt, ob die Belüftung gut oder schlecht ist. Jetzt gibt es ein Zertifizierungsprogramm. Bald wird am Eingang des Prime Time Theaters ein Stempel zu sehen sein, das bezeugt, dass die Spielstätte „pandemiegerecht gelüftet‟ wird.


Vielen Dank für das Interview, Herr Professor Dr. Külpmann.



 

Interview: Andrei Schnell

Bilder Theater: Boris Dammer

Bild Prof. Külpmann: Arnold Brunner


 


*Der Umbau der Lüftungsanlage ist gefördert durch



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